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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Jeden
Morgen um Viertel nach acht hat Herr Weinberg dasselbe Problem:
Schulden. Das Problem haben viele. Der Unterschied zu anderen
Bundesbürgern ist, dass Weinberg genau neun drei viertel Stunden
Zeit hat, um sich vor den Gläubigern zu retten. Bis 18 Uhr muss er
neues Geld auftreiben, um die fälligen Schulden zu zahlen.
Das
ist der eine Unterschied. Der andere: Es sind ziemlich viele Schulden
an diesem Morgen. Eine gute Milliarde Euro. Und bis 18 Uhr bleibt
nicht mehr viel Zeit.
Thomas
Weinberg ist kein Fall für die Schuldnerberatung oder die Sendung
"Raus aus den Schulden" bei RTL. Weinberg ist Chefhändler
der "Bundesrepublik Deutschland - Finanzagentur GmbH". Er
muss dafür sorgen, dass die Konten des Bundes am Ende des
Handelstags ausgeglichen sind. Dass jede Fälligkeit des Tages
beglichen, jede unvorhergesehene Steuermillion zinsbringend angelegt
ist. Er muss heute noch eine Milliarde finden. Eine Milliarde, so
viele Schulden sind heute zur Rückzahlung fällig. Es ist ein
ständiges Löcherstopfen, Jonglieren, Umbuchen, Aufreißen neuer
Löcher.
Und
wenn Finanzminister Peer Steinbrück jetzt wieder einen Nachtragsetat
von "weiteren 10,7 Milliarden Euro" ankündigt, dann ist
das letztlich Weinbergs Problem.
"Meinen
Kindern sage ich, Papa kümmert sich darum, die Bundesrepublik
flüssig zu halten", sagt er.
Weinberg
hat die Schulden der Deutschen am Hals. Wenn er morgens sieht, dass
die "Bild"-Zeitung mit Boris Beckers Hochzeit aufmacht,
steigt seine Laune. Dann ist offenbar kein neues Konjunkturpaket
verkündet worden, und der Tag wird ruhiger werden. Wenn während
eines Gipfels relevante Mittelaufnahmen verkündet würden, sagt er,
dann hat er die bald auf seinem Schreibtisch: "Wenn zum Beispiel
der Stresstest einer Bank schlecht ausfällt, spiegelt sich das
zuerst auf den asiatischen Märkten wider." Und um 8.15 Uhr dann
auf seinem Bildschirm.
Weinberg
ist Marathonläufer mit einer Bestzeit von 3 Stunden 30. Der
47-Jährige ist ziemlich groß, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit
Günther Jauch und wird auf diskrete Weise unruhig, wenn das Gespräch
länger als 20 Minuten dauert. Dann rennen die Augen zum Bildschirm.
Die Schulden warten.
Zur
Jahreswende hatte der Bund genau 981 281 444 403,38 Euro Schulden.
Das
waren noch Zeiten.
Der
FDP-Politiker Otto Fricke, Vorsitzender des
Bundestags-Haushaltsausschusses, schätzte im Januar, dass die
Billion spätestens zum Jahresende überschritten sein wird. Dank der
zu erwartenden "Engpässe" bei der Bundesagentur für
Arbeit, der "Risiken" der geplanten Bad Bank, der "Löcher"
in den Krankenkassen. Inzwischen ist die Marke erreicht. Deutschland
hat ein Problem mit 13 Stellen vor dem Komma.
Aber
Deutschland ist nicht allein. Der Internationale Währungsfonds hat
gerade errechnet, dass die zehn reichsten Länder bis zum nächsten
Jahr ihre Schuldenquote von 78 Prozent (2007) auf 106 Prozent des
Sozialprodukts ausweiten werden. Noch nie in Friedenszeiten standen
Regierungen so tief in der Kreide.
Die
Hüter der Bundesschuld wirken in einem neuen Geschäftsviertel am
nördlichen Rand von Frankfurt am Main, gepflastert mit
Verbundsteinen, so zeit- und formlos wie die Anzüge der Leute, die
vorm Penny-Markt sitzen und ihre Lattes und Macchiatos rühren.
Das
Lurgi-Gebäude war lange das größte zusammenhängende Bürohaus
Europas. Ein krakenähnlicher Bau. Aber die Mieten sind günstig.
Deswegen ist sie hier mit ihren 340 Mitarbeitern, die Schuldenagentur
des Bundes.
340
Leute gegen eine Billion.
Man
betritt die Schuldenagentur - "links, beim Bundesadler einmal
klingeln", hieß es am Empfang - durch eine Glastür. In der
Lobby stehen ein Safe und eine Büste des Freiherrn Karl August von
Hardenberg, des Hüters der preußischen Staatskasse.
"Wir
rechnen hier in Milliarden", sagt einer der Mitarbeiter. "Null
Komma vier sind 400 Millionen. Da muss man sich erst dran gewöhnen."
Am Anfang habe er noch Schweißausbrüche bekommen, sagt er. Und:
"Man darf nicht an die Größenordnungen denken, sonst würde
man wahnsinnig werden."
An
den Wänden hängen Schatzbriefe aus einer Zeit, als man noch
unbeirrt ans Morgen glaubte.
Allesamt
garantiert "reichsmündelsicher", prägegestempelt und
schon von weitem als grundsolide zu erkennen. So auch eine
"Schuldverschreibung der Stadt Duisburg über Eintausend Mark"
von 1921, zwei Jahre vor der Hyperinflation. Ein paar Meter entfernt
hängt eine "3%ige Schatzanweisung des Deutschen Reiches"
aus dem Jahr 1941. Mitten im Krieg wird pünktliche Zinszahlung
versprochen sowie eine Einlösung zum Nennwert "am 16. Mai 1962"
bei der Reichsschuldenverwaltung. "Der Anspruch auf das Kapital
erlischt, wenn die Schatzanweisung nicht binnen dreißig Jahren nach
dem Eintritt der Fälligkeit zur Einlösung vorgelegt wird." Das
wäre am 16. Mai 1992, also kurz nach Hitlers 103. Geburtstag.
Thomas
Weinbergs Büro findet sich im gesicherten Bereich der Agentur, im
Handelsraum. Die beiden Flachbildschirme vor ihm glimmen in allen
Farben. Charts wachsen ruckelnd, Kurven zacken nach oben (oder nach
unten), es zuckt, flimmert, pulsiert in einem Meer aus Ziffern,
Zahlen, Kürzeln. Man sieht Crude-Oil-Notierungen, US-Bonds-Werte und
T-Bill-Kurse, Swaps, Key-Rating, unter "Sovereigns"
firmieren europäische Kreditderivate, daneben quetschen sich noch
die "US-Dollar Swaps", darüber ein weißer Blitz: die
Kurse für Tagesgeld im Minutenrhythmus.
Das
ist die Krankenakte des Finanzkapitalismus, der Rundumcheck in
Echtzeit, Werte, die dem fiebernden Körper Geldmarkt abgelauscht und
ins Netz gestellt werden. Die nackte Wahrheit. Das ist Weinbergs
Welt.
Als
Chefhändler muss Weinberg sich auf dem Interbankenmarkt mit Titeln
eindecken, um den Teil der Schulden, die an einem Tag zur Rückzahlung
fällig werden, zu bedienen.
Er
verkauft den Banken Papiere des Bundes, bekommt Geld dafür und zahlt
fällige Papiere aus. Weinberg wickelt seine Geschäfte, wie jeder
Bundesbürger auch, über ein Girokonto ab, seines ist bei der
Bundesbank und heißt "Liquiditätskonto". Er muss es auf
null bringen. Denn ein Minus am Abend, eine "Unterdeckung",
käme einem zinslosen Darlehen der Zentralbank an den Staat gleich.
Und das verbietet der Vertrag von Maastricht. Wer Schulden macht,
soll dafür auch zahlen.
Es
ist ein ewiges Hin- und Herschieben mit Fälligkeiten, Fristen,
Zinskonditionen.
Jetzt,
um die Mittagszeit ("12:50:51 London, 20:50:51 Tokio, 07:50:51
New York"), ist es im Handelsraum ruhig. Kein Telefon, kein
Radio, kein Fernseher, kein Bürogeplauder.
In
völliger Stille tobt das Tier Kapitalismus.
Weinberg
hat keine Familienfotos und lustigen Postkarten an seinen Computer
geklebt. Das hier ist kein Spiel. Noch vier Stunden.
Bis
zur Krise bestand Weinbergs Job vor allem darin, die
Anschlussfinanzierung der Fälligkeiten im Blick zu haben. Also mit
neuen Schulden die alten zu bezahlen, damit jeder Gläubiger
pünktlich sein Geld bekommt. Das war die Zeit, als Peer Steinbrück
noch sagen konnte: "Die Nettokreditaufnahme wird
zurückgefahren", und dabei so selig aussah, als hätte er
Haschkekse gefrühstückt.
Jetzt
dagegen rollt die Schuldenlawine. Von Zurückfahren ist keine Rede
mehr. Geld muss her, möglichst schnell, und Weinbergs Job ist
mühsamer geworden. Außerdem soll er Geld sparen. Deswegen
telefoniert er die Banken ab, um die günstigsten Konditionen für
einen Kredit zu erwischen: "Wenn ich 4,95 Prozent statt 5,0
Prozent bekomme, ist es ein guter Tag gewesen", sagt er. Sein
Ziel sei es, sagt Weinberg, "leicht unter EONIA" zu liegen,
dem durchschnittlichen Tagesgeldsatz in Euroland, dem Urmeter des
deutschen Geldmarkts.
Weinbergs
Gespräche laufen ungefähr so: "Wir suchen 500 Millionen, habt
ihr die da? Zu welchem Zins? Danke, ich melde mich wieder." Es
sei im Grunde wie auf dem Gemüsemarkt, sagt Weinberg. "So ein
Gespräch dauert vielleicht 15 Sekunden. Da kann man nicht lange über
die Eintracht reden. Da ist viel Geld im Umlauf, das Geschäft muss
schnell gehen."
Bei
"Panorama", der ARD-Sendung, haben sie mal von der
"Zockerbude des Bundes" geredet. Das hat ihnen bei der
Agentur nicht gefallen. Nicht jeder Fisch im Haifischbecken ist auch
ein Killer.
"Ein
Zocker", sagt er, "hätte hier keine Daseinsberechtigung."
Weinberg ist ein lieber Hai. Er sei zur Agentur gekommen, wird
erzählt, weil er "mal für die KfW ei-
nen
Dollarbond aufgelegt hat". So klingen Heldenbiografien in
Bankerkreisen.
Der
Nationalökonom David Ricardo nannte Staatsschulden schon vor fast
200 Jahren "eine der schrecklichsten Geißeln, die jemals zur
Plage einer Nation erfunden wurden", konnte sich aber mit dieser
Auffassung unter Haushaltspolitikern nicht durchsetzen.
Am
17. Januar 1820 wurde die "Preußische Hauptverwaltung der
Staatsschulden" gegründet. Ein Musterbetrieb, eine der Säulen
des Preußentums, geführt meist über Jahrzehnte hinweg von
"Geheimen Ober-Finanzräthen" mit langen Namen.
Damals,
als es das Wort "erhöhter Refinanzierungsbedarf" noch
nicht gab, wurden die Schulden in moleskinbezogene, marmorierte
Kontorbücher eingetragen. Damals, als die Schulden noch zwischen
zwei Buchdeckel passten. Eines dieser Bücher liegt gerade beim
Buchbinder. 22 Kilo, mit pelziger Oberfläche und einem Kantenschutz
aus Messing: "Grundbuch der Schuldverschreibungen" steht
auf dem Deckel. Es sieht wertvoll aus, wie ein Schatz.
Hier
wurde seit dem 12. März 1891 in Kanzlistenschrift Buch geführt über
die Schulden des Landes, damals wurde offensichtlich noch im
Tausenderbereich gerechnet. Das Jahr 1933 ist hier nur ein Eintrag,
die Schrift, der Kopierstift der gleiche.
Die
meisten dieser Schuldbücher verbrannten 1945 bei einem alliierten
Luftangriff auf die Reichsschuldenverwaltung in Berlin-Kreuzberg.
Heute
ist das Bundesschuldbuch ein Datensatz. Eine gigabyteschwere
Computerdatei, wo sämtliche Schatzbriefe, Obligationen, Anleihen des
Bundes und ihre Fälligkeiten aufgelistet sind.
Jede
Neuverschuldung erscheint in der Bilanz als 12-, 13-stelliger Posten
"Kredite zur Rekapitalisierung", wo noch in der Vorperiode
eine Null gestanden hatte.
Im
Keller sirren die Rechner. Man darf sie nicht fotografieren, weil
Hacker aus der Form der Kästen irgendwelche Rückschlüsse ziehen
könnten: "Was glauben Sie, wäre los, wenn der Bund seine
Schulden nicht bedienen könnte?" Deswegen gibt es auch an einem
geheimen Ort in Frankfurt ein "Backoffice", eine
Sicherungskopie der gesamten Agentur.
Das
Portfolio des Bundes ist auch eine archäologische Lagerstätte. In
den Beständen finden sich noch Schulden aus den zwanziger Jahren,
die das Deutsche Reich aufnahm, um die Reparationen nach dem Ersten
Weltkrieg zu bezahlen.
Schulden
vergehen nicht.
Weinberg
verwaltet die Schulden des Bundes. Er rettet den Bund über den Tag,
bedient die Gläubiger und sorgt dafür, dass keine Million irgendwo
unverzinst herumliegt. Das ist die eine Aufgabe der Agentur, das
Tagesgeschäft.
Die
andere Aufgabe besteht darin, Schulden zu machen. Das Anpumpen der
Geld- und Kapitalmärkte im großen Stil, genannt "längerfristige
Kreditaufnahme".
Das
wird per Auktion geregelt. Meistens montags oder mittwochs kurz vor
elf Uhr.
Es
ist der beinahe wöchentliche Test, ob noch jemand für den Bund
anschreiben mag.
Die
Auktion findet im gesicherten Bereich der Agentur statt, im
Handelsraum. Da stehen dann Weinberg, der Chefhändler, einige
Mitarbeiter und einer der beiden Geschäftsführer. Die Auktionäre.
Keiner setzt sich, keiner trinkt Kaffee. Finanzministerium und
Bundesbank sind per Telefon zugeschaltet. Der Hammer für den
Zuschlag ist die Enter-Taste von Weinbergs PC.
Schon
vorher sind die 27 Mitglieder des Bieterkonsortiums, meist Banken, um
Gebote gebeten worden. Die Bietergruppe wechselt im Laufe der
Gezeiten. Lehman Brothers International etwa ist nicht mehr dabei.
Im
Prinzip ist Schuldenmachen einfach. Die Banken geben dem Bund Geld
und bekommen dafür ein Papier, auf dem steht, wann der Bund
zurückzahlt und wie viel Zinsen er dafür zahlt. Diese Schuldscheine
können die Banken dann an ihre Kunden weiterverkaufen.
Es
ist das gleiche uralte Muster des Geldverleihs, beschrieben schon in
der Bibel und praktiziert in den Kundenabteilungen der Sparkassen und
den Hinterstuben der Kredithaie. Umsonst gibt's nichts, "denn
wer hat, dem wird gegeben" (Matthäus 25,29).
Weinberg
und die anderen Auktionäre warten, wem gegeben wird. Es wird: Kurz
vor Ablauf der Frist kommen die Angebote herein, in handlichen
Stückelungen von 100 Millionen und bestimmtem Zins. Dann wird kurz
beraten, ein letzter Blick auf die Flimmerkurven, die aktuelle
Marktentwicklung, dann fällt die Auktionsentscheidung.
Weinberg
drückt die Enter-Taste, und der Bund kann aufatmen. Drei, zwei, eins
- meins! Deutschland hat neue Schulden gemacht.
Über
diesen recht undramatischen Vorgang entsetzen sich Verbände wie der
Bund der Steuerzahler (etwa 332 000 Mitglieder), beklagen in
leidenschaftlichen Appellen ihrer Zeitschrift "Der Steuerzahler"
die "Verschwendung" und die "fiskalische Gängelung".
"Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen" ist
ihr Motto. In Berlin betreiben diese Mahner ihre "Schuldenuhr"
und begehen Jahr für Jahr ihren "Steuerzahlergedenktag"
mit der Bockigkeit von Heimatvertriebenen.
Wer
als Bürger etwas am Finanzproblem seines Staates ändern will, geht
zu einer Glastür im Parterre des Lurgi-Bürogebäudes, auf die
ebenfalls ein Bundesadler geklebt ist. Hier ist der Schalter für die
Privatkunden der Agentur. Man trifft auf einen Kundenberater mit
etwas undeutlicher Aussprache, aber einem langen, bis ins 18.
Jahrhundert belegten Adelsnamen.
An
den Wänden hängt ein Plakat, "Günther Schild, Finanzexperte".
Das Maskottchen der Agentur. Das Original steht in der Lobby. Eine
Schildkröte, die aussieht wie aus Messing, aber eigentlich aus
Harzmatten gefertigt ist und nicht viel wiegt. Im Servicecenter
hängen Plakate, auf denen die Schildkröte eine Margerite im Maul
hält: "Die entspannendste Geldanlage Deutschlands", steht
darunter.
"Wir
wollten etwas, das Sicherheit ausstrahlt", sagt der Herr von der
Kundenberatung.
Es
herrscht wellnesshafte Ruhe, nur die Lüftung summt. "Sie hätten
im Oktober kommen sollen", sagt der Kundenberater.
Unbeschreiblich sei das damals gewesen. Zwei Stunden hätten die
Bürger warten müssen, um an ihr Schuldbuchkonto zu kommen, die auf
rund 20 000 Anrufe pro Tag ausgelegte Telefonanlage der Agentur brach
zusammen. Alle wollten dem Bund etwas leihen.
Damals
war der deutsche Rentier und Kuponschneider in nackter Panik. Vor
allem jener Anleger vom Typus "Wohlsituierte Ww., fin. unabh.,
in besten Jahren, mit trad. Werten".
In
den siebziger Jahren kannte man die Papiere nur aus den
Rowohlt-Taschenbüchern, wo mitten im Text plötzlich für
"Pfandbriefe und Kommunalobligationen" geworben wurde. So
etwa: "Macht unsere Bücher billiger! forderte Tucholsky einst,
1932, in einem ,Avis an meinen Verleger'. Man spart viel Geld beim
Kauf von Taschenbüchern. Für die Jahreszinsen eines einzigen
100-Mark-Pfandbriefs kann man sich zwei Taschenbücher kaufen."
Generationen von Schülern sind mit dieser "verbrieften
Sicherheit" aufgewachsen, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung
zu haben, um was es sich handelte.
Der
Bund macht beim Bürger Schulden, indem er ihm Bundeswertpapiere
verkauft. Je nach Ausstattung gibt es Schatzbriefe,
Finanzierungsschätze, Obligationen, Anleihen, Schatzanweisungen.
Manche laufen länger, manche kürzer. Gemeinsam ist allen, dass sie
nicht viel bringen außer Sicherheit.
Bundesschatzbriefe
galten deshalb bis vor kurzem noch als die Schrebergarten-Anlage,
belächelt von Börsianern. Vor dem Crash triumphierte die kurze
Frist über die lange, der Hai über die Schildkröte.
Das
hat sich geändert.
In
den ersten Wochen dieses Jahres kamen 200 Millionen Euro von
Privatanlegern herein. Knapp eine halbe Million Bundesbürger haben
dem Bund Geld geborgt, die durchschnittliche Order liegt bei 40 000
Euro. Jeder kann ein Konto eröffnen, kostenfrei. Was angesichts der
homöopathischen Rendite nicht verwunderlich ist. Hat der Bürger
bezahlt, bedankt sich der Bund mit einem Formbrief bei seinem neuen
Gläubiger: "... freuen uns, dass Sie sich für
Bundeswertpapiere entschieden haben. Mit freundlichen Grüßen,
Bundesrepublik Deutschland".
Das
Geschäft mit den Privatkunden macht 95 Prozent der Aufmerksamkeit,
aber nur 3 Prozent der Bruttokreditaufnahme des Bundes aus.
Für
den großen Rest ist Carl Heinz Daube zuständig. Er ist einer der
beiden Geschäftsführer der Finanzagentur, ein Handlungsreisender
der Bundesrepublik Deutschland. Er sucht auf dem globalen Finanzmarkt
nach Investoren, die dem Bieterkonsortium, also jenen Banken, die an
der Auktion teilnehmen, die Papiere des Bundes abkaufen. Ein PR-Mann
für Bundeswertpapiere sozusagen. Einer, der der Schildkröte Beine
macht.
Es
ist schwer, mit dem 48-jährigen Geschäftsführer einen Termin zu
bekommen. Daube ist nie da, immer unterwegs, in "Middle East",
wie er sagt, in Tokio, Rio und Shanghai. Alle paar Wochen müsse er
seine "Key-Player" besuchen, um "Bund zu verkaufen".
Und das sei derzeit etwas schwieriger. "Viele Investoren",
sagt Daube, "sind aus der Sommerpause des vergangenen Jahres
nicht mehr aufgetaucht. Hedgefonds beispielsweise haben sich quasi
komplett verabschiedet."
Daubes
Reisen sind Vertreterbesuche auf höherem Niveau. Bei manchen Fonds
oder Banken geben sich die Emissionsemissäre die Klinke in die Hand,
packen ihre Präsentationen aus und erklären, weshalb ein Asiate
oder Scheich genau ihre Schuldpapiere kaufen soll. "Jeder hat
etwas anzubieten", sagt Daube. Die Österreicher sind
spezialisiert auf Fremdwährungen, die Belgier auf Nischenprodukte.
"Unsere Produkte", sagt er, "sind hochliquide und
sicher. Dafür sind Investoren bereit, einen niedrigeren Zinssatz zu
akzeptieren."
Seit
es die D-Mark nicht mehr gibt, konkurriert der Bund mit allen anderen
europäischen Ländern. Deswegen wurde im Jahr 2000 die Finanzagentur
gegründet. Eine GmbH, deren einziger Gesellschafter der Bund ist.
Man wollte der Schildkröte ein wenig Beine machen. "Marktanalysen"
mussten her, "Modelle zur Portfoliosteuerung" und natürlich
"Synergieeffekte". Die Schildkröte wollte auch ein
bisschen Hai sein. Früher gab es für den Bund vielleicht 20
Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Heute sind es etwa 200. Daube
nennt es "Diversifizierung der Finanzmarktinstrumente".
Vergangenes
Jahr wurde vom Bund die Tagesanleihe für Privatanleger eingeführt,
das erste neue Produkt seit 30 Jahren. Derzeit wird ein Fonds
entwickelt, ein Korb aus verschiedenen Schuldpapieren des Bundes. Das
gab es früher nicht.
Bis
2014 soll die Agentur so jährlich 500 bis 750 Millionen Euro weniger
für die Finanzierung ausgeben.
Daubes
Counterpart ist das "Referat VII A 2" im Finanzministerium,
zuständig für "Steuerung und Kontrolle des Schuldenwesens".
Und dahinter der zuständige Staatssekretär Jörg Asmussen.
Mit
dem bespricht Daube sich. Das Schuldenmachen wird immer teurer.
Irgendwann müssen neue Kredite aufgenommen werden, um die Zinsen der
alten Kredite noch zahlen zu können. Man kennt das aus der
Schuldnerberatung in Duisburg oder Berlin-Neukölln. Das kann auch
Staaten passieren.
In
der Finanztheorie galt lange der Lehrsatz, ein Staat könne nicht
pleitegehen, weil jede noch so hohe Schuld letztlich durch Vermögen
gesichert sei. Für David Oddsson, den Zentralbankchef von Island,
war das nur bedingt tröstlich, als sein Staat vergangenen Herbst
durch Überschuldung so gut wie zahlungsunfähig war und die Bürger
ihn mit Schneebällen bewarfen. Sie hatten ihrem Staat Geld geliehen
und jede Hoffnung auf Rückzahlung verloren. Islands Finanzsystem
wurde gerettet, weil der Weltwährungsfonds und einige Nachbarländer
der Insel mit Krediten aushalfen, die sie auf den freien Märkten nie
bekommen hätte.
Kritiker
sagen, der Schuldenstaat würde Unternehmen die Kredite wegnehmen.
Auch Volkswagen, E.on, Fresenius geben schließlich Anleihen heraus.
Das sei nicht das Gleiche, sagt dann die Agentur. Es gebe viele
Unterschiede: Volumen, Bonität des Emittenten, Liquidität und
letztlich im Preis. "Solange in der Krise keine private
Investitionsnachfrage da ist, nehmen wir Unternehmen das Kapital
nicht weg", sagt Daube. "Im Gegenteil: Durch die
Staatsgarantien verbessert der Bund die Voraussetzungen, damit
Unternehmen frisches Kapital beschaffen können."
Noch
sind die Investoren bereit, ihr Geld auch für geringen Zins an die
Regierungen zu verleihen. Aber das kann sich schnell ändern, sobald
die Märkte in Asien sich wieder erholt haben und die Zinsen wieder
steigen. Dann wird Schuldenmachen für den Staat wieder teurer. Dann
ist die Zeit der Schildkröten wieder vorbei.
Daube
muss dieses Jahr mindestens 346 Milliarden Euro auftreiben. Die
Strategie heißt, sich auf dem (kurzfristigen) Geldmarkt und dem
Kapitalmarkt (mit Laufzeiten von einem Jahr und länger) möglichst
ausgewogen zu bedienen.
"Unsere
Aufgabe ist schwieriger als früher", sagt er. "Allein
schon weil das Volumen größer ist. Letztes Jahr waren 220
Milliarden Euro am Markt zu plazieren. In diesem Jahr kommt mehr als
die Hälfte noch mal drauf."
Und
da ist die jüngste Nachbesserung noch gar nicht eingerechnet.
Je
mehr Schulden bedient werden müssen, umso mehr Steuereinnahmen, umso
mehr Wachstum braucht das Land, und wenn es nicht genügend Wachstum
gibt, dann muss der Staat bei seinen Ausgaben sparen. So einfach ist
es. So schwer wird es.
Es
ist 18 Uhr. Thomas Weinberg schaltet seine Bildschirme aus. Der
Handel ist beendet. Die Geld- und Kapitalmärkte ziehen weiter, der
Sonne hinterher. Das Liquiditätskonto des Bundes bei der Bundesbank
ist auf null gebracht. Buchhalterisch ist alles in Ordnung, die
Witwen und Wirtschaftsweisen können beruhigt schlafen gehen.
Die
Finanzagentur leert sich ohne ein Zeichen von Hektik, nur im Keller
surren irgendwo die Server, und irgendwo dreht sich David Ricardo im
Grabe um.
Morgen
ist ein neuer Tag der Schulden.
Zurück
bleibt der Freiherr von Hardenberg und, gleich neben der Tür mit dem
Bundesadler, ein Safe, ein Geldschrank. Er stammt aus dem Besitz der
alten Bundesschuldenverwaltung. Keiner hat einen Schlüssel zu ihm.
Keiner in der Finanzagentur weiß, wie er sich öffnen lässt. Gewiss
ist nur eines: Der Schrank ist leer.
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